Midsummer on Suomenlinna

Recently I spent three weeks in Finland to research more stories and to celebrate midsummer with friends – it brought me once again to the lovely island Suomenlinna. This image was taken at around midnight on the island; it shows the calm sea and the skyline of Helsinki. More articles and reports in English and German will follow soon…

Suomenlinna

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Der Knigge beim Staatsbesuch

Erschienen auf der Politik-Erklärseite „Einmaleins“ der Frankfurter Rundschau (2006) 

Der Knigge beim Staatsbesuch: Wenn auf dem Roten Teppich eine Panne passiert, kann einer nicht lachen: der Protokollchef

Es war das erste Mal, dass sie als Bundeskanzlerin einen Staatsgast empfing. Alles war bis ins letzte Detail geplant, wie bei jedem Staatsbesuch: Erst wurden die beiden Nationalhymnen gespielt, dann schritt Angela Merkel mit Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong vor dem Kanzleramt auf dem Roten Teppich die Ehrenfront des Wachbataillons der Bundeswehr ab.

In der Mitte der Formation, vor der deutschen Fahne, blieb Merkel stehen, um sich protokollgerecht zu verneigen. Da passiert es: Der Premierminister verpasste diesen international üblichen Einsatz und marschierte einfach weiter. Auch Merkels kurzer Zuruf an den Gast blieb ungehört. Erst einem Protokollbeamten gelang es, ihn zu stoppen, so dass Merkel und ihr Staatsgast das Defilee vor den Soldaten ordentlich und gemeinsam fortsetzen konnten.

So eine Panne wie vergangenen Dezember mag für Zuschauer Grund zum Schmunzeln sein, doch für Bernhard von der Planitz ist sie ärgerlich. Der 65-Jährige ist der Protokollchef des Auswärtigen Amtes. Natürlich war es nicht seine Schuld, doch seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass jeder Staatsbesuch – sei es hier oder im Ausland – reibungslos abläuft. Und das bedeutet eben, dass das „Protokoll“ eingehalten wird.

Für jeden Anlass, jede Art von Empfängen gibt es eigene Regeln, die genau festgelegt sind. Wie wird ein Staatsgast behandelt? Mit welchem Auto wird er abgeholt? Wird der Teppich ausgerollt? Wie ist die Sitzordnung beim offiziellen Empfang? All das steht in einer „Handreichung“ – einem dicken Buch, das alle Mitarbeiter des Protokolls auf dem Schreibtisch stehen haben.

Rund hundert Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes sind damit beschäftigt, dass alles nach Plan läuft. Bernhard von der Planitz ist ihr Chef, er beschreibt seinen Job als hartes Management. Vor allem, weil die Zahl der Reisen und Besuche ständig steigt. Vergangenes Jahr gab es 102 „eingehende“ Reisen, bei denen die Bundesrepublik Gastgeberin war. Hinzu kamen 128 Auslandsreisen. Eine weitere Aufgabe der Protokoll-Abteilung des Auswärtigen Amtes ist übrigens die Betreuung des Diplomatischen Corps – also der Botschafter, deren Mitarbeiter und Angehörigen. Nun wird die Abteilung sogar vorübergehend noch aufgestockt, denn im ersten Halbjahr 2007 übernimmt Deutschland die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union. Das bedeutet: noch mehr Empfänge und Treffen, die meist mehrere Monate im Voraus organisiert werden müssen.

Staatsbesuche deutscher Politiker im Ausland, etwa bei US-Präsident George W. Bush, erfordern eine ebenso lange und detaillierte Vorbereitung. Bei einigen bevorstehenden Besuchen begibt sich ein Protokoll-Referent sogar auf eine „Vorreise“, in der er die Anforderungen mit den deutschen Botschaften vor Ort und den zuständigen Protokoll-Kollegen des jeweiligen Landes klärt.

Chirac? Eisbein mit Sauerkraut!

Im Auswärtigen Amt gibt es für jede Weltregion einen Referenten, der auch die inoffiziellen Besonderheiten kennt – also das, was nicht im dicken Protokollbuch steht. Etwa, welches Gastgeschenk gut ankommen würde, und wie die kulinarischen Vorlieben bestimmter Politiker sind. Beispiel: Wenn Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac nach Deutschland kommt, isst er am liebsten Eisbein mit Sauerkraut. Das hat ihm Kanzler Gerhard Schröder (SPD) gern im Kanzleramt auf der Terrasse servieren lassen. Es sind auch die kleinen Gesten, die Freundschaften erhalten.

Das Protokoll hat eben trotz aller Sachlichkeit immer etwas mit Symbolen zu tun. Als Kanzlerin Merkel nach ihrer ersten Auslandsreise in Paris ins Flugzeug nach Hause stieg, schritt sie die Gangway alleine empor – erst mit Abstand folgten Außenminister Frank-Walter Steinmeier und die Mitarbeiter. Das Protokoll sorgt für die Aura.

Bernhard von der Planitz ist der Regisseur dieses großen Staatstheaters. Die Kanzlerin und den Außenminister begleitet er nur bei besonderen Reisen und Staatsempfängen – meist ist er mit Bundespräsident Horst Köhler unterwegs. „Rund um den Globus, rund um die Uhr“, so beschrieb der Protokollchef mal seinen Alltag. Seit 1970 arbeitet er im Außenministerium und hat mittlerweile den Rang eines Botschafters.

Er hält sich immer diskret im Hintergrund, ist aber schnell zur Stelle, wenn ein Problem oder eine Frage auftaucht. Gerade in fernen Ländern kann ein Politiker rasch die Gefühle seiner Gastgeber verletzen, wenn er gegen die lokalen Gepflogenheiten verstößt. Will der Außenminister eine Moschee in Indien besuchen, muss auch Steinmeier – wie in jeder Moschee üblich – die Schuhe ausziehen, bevor er sie betritt.

Ernsthafte politische Verwicklungen habe es aufgrund eines Protokollfehlers aber noch nicht gegeben, heißt es im Auswärtigen Amt. Für Aufsehen sorgte dennoch in den neunziger Jahren das Treffen zwischen Außenminister Klaus Kinkel und dem Dalai Lama. Denn Kinkel lehnte es ab, sich vom Oberhaupt der Tibeter zur Begrüßung einen Schal umhängen zu lassen. Dies sei ein inoffizielles Treffen gewesen, so das Auswärtige Amt heute. Bei offiziellen Empfängen würden die Politiker stets detailliert auf die Reise vorbereitet, da wüsste ein Außenminister auch, was auf ihn zukommt.

Wie streng dabei ein Protokollchef sein kann, macht eine Äußerung deutlich, die Johannes Rau zugeschrieben wird: Als der damalige Bundespräsident auf einer Auslandsreise in Zeitverzug war, habe von der Planitz ihn gedrängt, ein Gespräch zu beenden. „Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Protokollchef und einem Terroristen?“, habe Rau schmunzelnd gesagt: „Mit einem Terroristen kann man wenigstens verhandeln.“